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RACE ACROSS GERMANY 2000
Erlebnisbericht eines Teilnehmers
“In 10 km fängt es an zu regnen”, ruft Dieter durch die Gruppe, wir sind vor Göttingen, bei ca. 450 km. Vor lang andauerndem Regen habe ich Angst. Einige Mitfahrer haben seit der Abfahrt gestern um 11:00 Uhr in Flensburg über Handy zuhause angerufen, die Auskünfte sind nicht ermutigend. In West- und Süddeutschland regnet es ausdauernd. Wir haben bisher Glück gehabt. In Schleswig-Holstein schien teilweise die Sonne. Bei Schiebewind erreichten wir einen Schnitt über 30 km/h, trotz der nervenden Kiel-Durchfahrt. Viele auf Autoverkehr ausgerichteten Ampeln, Baustellen und Umleitungen, einmal hatte sich der Tross verfahren und musste umkehren. Ich hatte das Gefühl, dass wir 1 Stunde nur für Kiel benötigt haben.
Die Gruppe ist 17 Fahrer groß, einige Fahrer sind sehr stark, sie könnten sicher schneller fahren. Wir hatten im Vorfeld der Fahrt vereinbart, dass die Gruppe auf die schwächeren Fahrer wie mich Rücksicht nimt, damit alle die Chance haben in Garmisch anzukommen. Zum Glück erinnert Dieter, der Organisator, an diese Vereinbarung und sorgt dafür, dass noch etwas Tempo reduziert wurde. Die Gefahr am Anfang der tour ist natürlich, dass man in der Euphorie zu schnell fährt und dem später Tribut zollt. So sollte es denn auch kommen.
Irgendwo vor Kiel verlassen wir die B76 und fahren Nebenstraßen. Nach 130 km erreichten wir Bad Segeberg, dort hat der Sponsor “Süße Wolf” aus Altenschönfeld eine Verpflegungsstelle vor dem MAGNET-Markt organisiert.
Tatsächlich fängt es bei Göttingen an zu regnen, wir haben schon vorher Regenkleidung angezogen. Beim nächsten Halt in Bad Sooden-Allendorf ziehe ich auch noch die Überschuhe an, so schaffe ich unter den Sachen ein feuchtwarmes Kleinklima. Das Wasser kommt von unten und oben. Dieter sagt ich soll trotzdem Windschatten fahren, jetzt kommt es auch noch von vorne.
Was kann alles passieren und zum Abbruch führen! In der dritten Pause bei Gifhorn fuhren wir auf einen Waldparkplatz und vermasselten mit unserem Tross einigen Prostituierten das “Geschäft”. Worauf eine Dame wütend mit ihrem “Wohnmobil” den Parkplatz verliess, dabei fasst mein Rad und Tasche überrollte. Einer unserer Betreuer drohte ihr, sie aus dem Auto zu holen. Ich konnte zum Glück Rad und Tasche retten.
Horst bekommt schon bei Braunschweig Probleme mit Übelkeit, ebenso Marc. Meldung des Streckenchefs Wolfgang Weiss, dass er sich Sorgen um die beiden macht. Ich bekomme eine Krise nach 400 km. Wegen des Zwischenfalls mit der Verbrennung der linken Hand fehlt mir eine Pause. Ich konnte nichts in Ruhe essen und trinken und vergaß auch noch etwas einzustecken, bekomme allerdings schnell etwas aus dem Führungsfahrzeug. Die Jungs sind unheimlich hilfsbereit und freundlich. Ich kämpfe mit leichter Übelkeit, zwinge mich aber zu essen, denn sonst käme das Aus sehr bald. Nach 3 - 4 Stunden vor Bad Hersfeld geht es mir langsam besser. Kann sein, dass ich auf die besseren Fahrer wirke als einer, der sich nur hinten reinsetzt. Pardon, ich bin nicht so stark und froh meine Krise zu überwinden.
In Bad Hersfeld können wir duschen, umziehen, essen. Ich dusche nicht, habe kaum noch Sachen zum umziehen, alles nass, beneide die Teilnehmer, die private Begleitung oder mehr als eine Tasche haben. Teilweise muss ich die nassen Sachen wieder drüberziehen, zum Glück hört es dann auf zu regnen. Das Essen irritiert mich, Schweinebraten mit Brokkoli, Kartoffeln zur Frühstückszeit. Unser italienischer Begleitkoch im Wohnmobil macht auch schöne Sachen.
Hinter Fulda geht´s in die Rhön. Nach einer der ersten Steigungen noch ein Halt zum Umziehen. Ich habe nichts mehr zum Umziehen, aber die Sachen trocknen langsam am Körper. Die Steigungen in der Rhön liegen mir, es geht mir auch wieder besser. Ich fahre trotzdem kraftschonend, den kleinsten Gang, versuche locker zu bleiben. Es soll jemanden geben, der sich an Steigungen vom Begleitfahrzeug hat ziehen lassen. In meiner Nähe sind meist Dr. Kranz, Jürgen, Karl-Heinz und Hans. Dieter ist sauer, dass wir vorfahren. wir sind aber nicht vorne, andere sind weiter vor. Vielleicht waren wir auch etwas zusehr motiviert durch den 2000-Watt-Lautsprecherwagen, der uns durch die Rhön begleitet, u.a. mit Hardrock den ich mir gewünscht hatte.
Was Dieter der Organisator leistet ist schon toll. Nicht nur, dass er selbst fährt, er arbeitet auch noch viel in der Führung und kümmert sich mit um die Organisation, was Vorfahren zum Pace-Car und Zurückfallenlassen zu den Begleitfahrzeugen erfordert.
In Bad Brückenau gibt es süßen Reis mit Obstsalat, himmlisch. Ich ziehe jetzt endgültig die Regenhose aus, sie trieft innen vom Schwitzwasser. Vor Würzburg geht´s erst am Flüsschen Sinn, dann über Gemünden und Karlstadt am Main entlang. Wir können locker fahren, etwas quatschen. Ich fahre mit Andreas, ein netter Kerl. Er ist nicht sehr groß, tritt wie eine Nähmaschine und wirkt lustig, fidel und fit. Aber er ist erst 21 jahre alt, vielleicht noch zu unerfahren, später kriegt er Probleme. Wahrscheinlich hat er zuwenig getrunken und gegessen. Es ist ja unglaublich was man bei so einer tour isst und trinkt. Ich kann nur schätzen, dass ich ca. 20 Liter getrunken habe, Isodrink, Apfelsaftschorle, Cola, Tee, Kaffee. Gegessen habe ich 20 Bananen, vielleicht 30 Riegel, einige Male Nudeln, Reis, Apfel- und Kiwistücke, Kuchen, Brote.
In Würzburg verwöhnt uns der Sponsor Gothaer Versicherungen mit Nudeln, Kaffee, Cola. Zum Gruppenfoto mit dem Oberbürgermeister Weber von Würzburg soll ich mich mit Andreas vor die Gruppe setzen. Ich bin nicht mehr der fischeste und bitte darum, dass mir der Oberbürgermeister beim Aufstehen hilft, was er auch tut. Psychisch ist wprzburg für mich ein Problem. Der herzliche Empfang und die Tatsache, dass wir über 700 km geschafft haben, hat das Gefühl vermittelt, der Rest ist nicht mehr so schlimm. Aber es sind noch über 350 km. Diese Erkenntnis erschreckt mich.
Bis Ansbach sei alles flach, ein paar Wellen. Das sagen die Kollegen jetzt ironisch bei jeder Steigung. Noch ist es hell. Vorbereitung auf die zweite Nacht in Ansbach.
Es sind einige unheimlich sympathische junge Mitfahrer bei der Gruppe, teilweise leistungsmäßig unterfordert aber freundlich und hilfsbereit. Udo, wie ich aus Bonn stammend, der 1999 das RACE ACROSS AMERICA in 11 Tagen geschafft hat oder 3-fach-Triathlons. Ich bewundere seine Leistung, weiß ich doch was das bedeutet. Dabei ist er freundlich und bescheiden geblieben. wir haben sogar schon gemeinsam den Bonn-Triathlon bestritten, damals ohne Kenntnis voneinander und er natürlich weit vor mir. Auch Michael ist so ein netter Kerl. In Schleswig-Holstein, als die Gruppe nach Kurven, Kreuzungen oft auseinander riss, fuhr er an mir vorbei und rief: Häng dich in meinen Windschatten, ich fahr das Loch jetzt zu. Auch Jacek hat ein schönes breites Kreuz, dass er mir einige Male bot. Rolli ist ein lustiger Typ, wenn er lacht bekommen seine Ohren Besuch. Eine Unterhaltung während der Fahrt mit solch netten Mitfahrern motiviert.
“Wo wollen sie denn hin”, fragt der Polizist im Streifenwagen, der nachts um 1 Uhr einige radler suchend an einer Kreuzung vor Donauwörth antrifft. Günter steht am nächsten. “Wir kommen von Flensburg und wollen nach Garmisch”. Der Gesichtsausdruck des Polizisten zeigt, dass er sich verarscht fühlt. Wir ziehen Günter zurück, wolfgang Weiss vermittelt. Die Polizisten erklären etwas und verschwinden wieder. wie wir später erfahren, führte ihre Empfehlung geradenwegs auf die für Radfahrer gesperrte Bundesstraße Richtung Augsburg. Unsere roadmanager fahren mit uns Nebenstrecken und Dörfer. Wir verfahren uns, müssen umkehren, Umleitungen erschweren die Routenfindung. Mehrmals müssen wir warten, suchend.
Die Zeit verrinnt, nach Fragen bei Einheimischen, die nachts auch nicht sehr zahlreich anzutreffen sind, finden wir aus den Umleitungen heraus, und fahren zur nächsten Verpflegungsstelle.
Ich bekomme zunehmend Probleme mit den Händen und Schultern. Mit der linken Hand kann ich nicht richtig fassen wegen der Verbrennungen und eines zu strammen Verbandes. Rechte Hand und Schulter sind nach 500 km in dieser Überlastung total verspannt und schmerzen. Ich habe meinen Triathlon-Aufsatz nicht montiert, es war nicht erwünscht. Jetzt könnte ich ihn gut gebrauchen.
Die Großstädte kennen viele Schnellstraßen und Stadtautobahnen, die wir nicht benutzen dürfen. die Nerven liegen in den letzten Stunden blank. Matthias versteht einen Spass nicht mehr und motzt mich an. Einige moseren!
Ich kneife mich in die Backe um nicht einzuschlafen. Aber ich weiß jetzt, dass ich es nach Garmisch schaffe, das macht mich glücklich, noch 85 km bis Garmisch. Die schmerzen muss ich aushalten.
Andre, ein Super-Radfahrer, hat keine Lust mehr, er ist auch unterfordert. Aber ist nett und meckert nicht. Dieter schwankt jetzt emotional sehr star,. Zwischen “so ein Scheiß, ich hab keine Lust mehr” und motivierend “Auf Jungs, ich bring euch nach Garmisch” auf wenigen Kilometern. Noch eine kleine Pause in Schongau, Matthias und günter fahren weiter!!! Bei den folgenden Steigungen fahre ich hinten, Dieter kommt vorbei und fragt wie es mir geht. Ich sage ihm, dass ich happy bin, wei ich weiß, dass ich ankomme. Auch Frank ist in unserer Nähe, etwas vor und Dr. Kranz, Karl-Heinz, Rolli. Die tollen Jungs vom Radsportclub Garmisch-Partenkirchen erwarten uns mit Autos hinter Schongau und begleiten uns. Einer fährt am Berg neben mir und bietet mir an, mich am Auto festzuhalten. Er meint es gut aber ich lehne dankend ab. Ich würde mich vor mir selber schämen, mich vom Auto ziehen zu lassen.
Vor Unterammergau sammelt sich noch einmal die Gruppe bis auf Matthias, der mit Günter vorgefahren ist. Wir wollten doch gemeinsam in Garmisch ankommen? Wir werden über die letzten 20 km instruiert und rollen gemeinsam nach Garmisch. Ich freue mich. Schmerzhaft wird für mich noch einmal die Abfahrt von Oberammergau nach Garmisch, ca 4 km in Serpentinen. Ich kann kaum noch bremsen, die Abfahrt ist schmierig. Dann ist es geschafft.
Matthias Begleiter stellen mir ihr Handy zur Verfügung. Zuallererst rufe ich meine Frau an! Sie freut sich mit mir. Ich freue mich wie ein Kind und bin doch schon 57 Jahre alt.
Es gibt Müsli, Brötchen, Käse, Kaffee, Kakao, Marmelade, Orangensaft, Milch, Honig. Ein Frühstücksparadies haben uns die Radsportfreunde aus Garmisch-Partenkirchen vorbereitet.
Duschen, etwas schlafen. Am Abend setzen die Radsportler aus GAP noch einen drauf mit ihrer Gastfreundschaft. Abendessen, der Bürgermeister ist auch da und jodelt für uns!
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